Artgerechte Tierhaltung: Teil zwei

Im letzten Blogeintrag schrieb ich von einer Internetseite, welche das Thema artgerechte Tierhaltung behandelt. Beim Unterpunkt „Freiheit von Schmerz, Krankheit und Verletzung“ wird dort bei der Schweinehaltung als praktisches Beispiel artgerechter Tierhaltung die Nutzung von Ferkelschutzkörben genannt, welche die Jungtiere vor versehentlichem Erdrücken durch durch das Muttertier schützen sollen.

Nur nebenbei wird erwähnt, dass dieser Vorteil damit erkauft wird, dass die Bewegungsfreiheit des Muttertieres aufgegeben wird. Gegner der Nutzung von Ferkelschutzkörben schreiben, dass nur deswegen so viele Jungtiere erdrückt werden würden, weil die Tiere so wenig Platz in ihrem Stall haben.

Dass den Tieren viel zu wenig Platz eingestanden wird glaube ich sofort. Mehr Platz bedeutet mehr Kosten und das ist vom Homo oeconomicus nicht erwünscht.

Beim Versuch weitere Informationen über die Thematik zu erhalten lande ich beim Wikipediartikel Schweineproduktion.

Produktion? Das klingt als ginge es hier um Maschinen, um leblose Gegenstände.

Andererseits: Ehrlicher als den Euphemismus Intensivtierhaltung zu verwenden ist es auf jeden Fall. Bei so klaren Worten weiß man zumindest woran man ist – hier dann etwas woran ich lieber in keiner Form beteiligt sein möchte.

In so einem Produktionsbetrieb werden Sachen hergestellt. Und tatsächlich waren Tiere nach juristischer Auffassung in unserem Land bis einschließlich 31. August 1990 Sachen.

Am 1. September 1990 wurden dann quasi über Nacht aus Sachen Tiere. Also juristisch betrachtet. Apropos Juristen: Im Blog von Udo Vetter finden sich jede Menge Einträge aus dem juristischen Alltag.

Liest man Udo Vetters Blog häufiger könnte es einem jedoch etwas unwohl werden. Beim Lesen manch anderer Blogeinträge wird der gute Glaube an den Justizbetrieb erschüttert.

Einzelne Leserkommentare zu den Posts in Udo Vetters Blog sind teilweise hochinteressant, aber insgesamt sind die Kommentare qualitativ sehr durchwachsen.

Aber zurück zum Thema: Auch wenn Tiere seit gut zwei Jahrzehnten nicht mehr mit Sachen gleichgesetzt werden, seien für diese rechtlich im großen und ganzen auch weiterhin die gleichen Vorschriften anzuwenden welche auch für Sachen gelten.

Ich frage mich was das in der Realität bedeutet. Heißt das beispielsweise jemand könnte einfach ohne medizinischen Grund seinen Hund einschläfern lassen?

In einer von Deutschlands größten Expertencommunities, in denen man in wirklich allen, ja insbesondere auch bei lebensbedrohenden medizinischen Problemen immer sofort eine gute, nein die allerbestmöglichste Antwort von jedem der mitdiskutiert erhält, man sich folglich also absolut immer voll und ganz auf die Korrektheit der Informationen verlassen kann wurde diese Frage schon behandelt. Leider nicht aus rein theoretischen Überlegungen heraus.

Einer der Antwortenden schreibt:

„habe nachgegoogelt: ein einschläfern aus gründen mangelnder fürsorgebereitschaft des besitzers ist nicht gestattet und strafbar!!! – nur das problem an der ganzen sache: wo kein kläger, da kein richter!!!“

Ob das stimmt? Ich weiß es nicht.

Auffällig ist, dass in vielen Reaktionen ein Ausdruck der tiefen Abneigung gegenüber der Person mitschwingt, die es in Erwägung zieht einen gesunden Hund einfach so einzuschläfern. Bestimmt ernährt sich ein Großteil der Schreiber auch von Tieren wie Schweinen und Hühnern. Da scheint es dann kein Problem zu sein, dass die Tiere nach einigen Monaten einer Fressorgienexistenz  getötet werden. Na gut, auf den Verpackungen im Supermarkt finden sich auch keine großen Warnhinweise, welche auf diesen Sachverhalt in gebührendem Maße hinweisen würde.

Ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass in der aktuellen Fassung des Tierschutzgesetzes eine Passage auftauche, welche besage, dass Tiere nicht ohne einen „vernünftigen Grund“ getötet werden dürften.

Im Tierschutzbericht 2003 der Bundesregierung finde ich eine Erklärung dazu. So heißt es dort:

XI. Betäuben, Schlachten und Töten von Tieren

1. Zum vernünftigen Grund

Nach seiner Zweckbestimmung in § 1 Satz 1 schützt das Tierschutzgesetz nicht nur das Wohlbefinden des Tieres, sondern auch dessen Leben. Satz 2 verbietet, Tieren ohne vernünftigen Grund Schmerzen, Leiden oder Schäden zuzufügen.

Die Zusammenschau beider Sätze des § 1 TierSchG ergibt, dass ein Tier nur bei Vorliegen eines vernünftigen Grundes getötet werden darf. Verstöße hiergegen können nach § 17 Nr. 1 TierSchG mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe geahndet werden.

Eine Legaldefinition des Begriffs „vernünftiger Grund“ gibt es nicht. Der Gesetzgeber bedient sich hier zur Beschreibung seiner Ziele eines unbestimmten Rechtsbegriffs, da die vielfältigen Vorgänge der Lebenswirklichkeit nicht umfassend und abschließend dargestellt werden können.

Zudem kann durch die offene Tatbestandsformulierung das Tierschutzrecht durch Auslegung und Rechtsprechung weiterentwickelt und gesellschaftlichen Gegebenheiten angepasst werden, ohne dass eine Gesetzesänderung erforderlich wäre.

Nähme man das Tierschutzgesetz ernst bräuchte man also einen vernünftigen Grund zum Töten eines Tieres. Leider scheint das Wort vernünftig im Gesetz Auslegungs- bzw. Verhandlungssache zu sein.

Wenn es z. B. der Wirtschaft diene könne von einem vernünftigen Grund gesprochen werden. Deswegen dürfen in Deutschland massenhaft männliche Küken gleich nach ihrer Geburt getötet werden.

In der deutschen Wikipedia findet sich dazu ein Artikel, welcher meines Erachtens zynisch Eintagsküken benannt wurde.

Das Youtubevideo vom ZDF ist leider im falschen Bildseitenverhältnis hochgeladen worden. Aber trotz der eher schlechten Bildqualität und dem falschem Bildseitenverhältnis war es für mich Grund genug keine Eier, auch keine mit Biosiegel zu kaufen bzw. zu essen. Das gilt natürlich auch für Produkte in denen Eier weiterverarbeitet werden.

Während mir eine rein unvegane, nicht mal teilweise vegetarische Umgebung echter Menschen vor Kurzem bestimmt noch problemlos einreden hätte können, dass Tiere halt getötet werden müssen um Menschen zu ernähren, dass das komplett natürlich und normal sei, dass es anders eben einfach nicht ginge und dass die Tiere hinter den Tierprodukten mit Biosiegel (bevorzugt mit Bioland-/Demeter-/Naturlandsiegel) ein schönes Leben und einen schnellen, schmerzfreien Tod hätten wurde mir beim Anblick dieses Videos bewusst, dass etwas nicht stimmen kann. Das Gefühl, dass eine Gesellschaft, welche derartige Kükentötungsmaschinen betreiben lässt total krank sein muss kam auf. Seitdem bin ich noch kritischer gegenüber allen Tierprodukten.

Diesen Tötungsvorgang von gerade geschlüpften Küken als das Böse schlechthin anzusehen baut natürlich auf einer subjektiven, emotionalen Einschätzung auf und übersieht die unzähligen anderen unmenschlichen Vorgänge auf dem Planeten. Es ist aber eine Art Schlüsselerlebnis für mich gewesen.

Leider stimmen für unsere Land nicht mal die Aussagen der Befürworter von Nutztierhaltung mit Biosiegel. Beispielsweise wird im folgenden ZDF-Beitrag der als nahezu schmerzfrei und als schnell versprochene Tod behandelt.

Der Gedanke den ich die letzten Jahren verfolgt habe war möglichst nur Produkte zu kaufen bei denen ich davon ausgehen kann, dass es den Tieren bis zur Schlachtung gut ging. Da ich zum Ergebnis gekommen bin, dass ich das nicht wirklich prüfen kann hatte ich mir gegen Ende 2011 vorgenommen es zumindest mal zu versuchen mich tierfrei zu ernähren – mit starker Skepsis ob das wirklich durchhaltbar ist.

Wenn ich ehrlich bin muss ich mir eingestehen, dass ich unter bestimmten Randbedingungen selbst in gewissem Maße Moral gegen persönlichen Vorteil eintauschen würde. Ich glaube das trifft auf nahezu fast jeden, wenn nicht alle Menschen zu. Außerdem glaube ich, dass Menschen von Geburt an weder „gut“, noch „böse“ sind, sondern hauptsächlich von ihrer Umwelt geprägt werden. Frau Karen Duve, welche in ihrem Buch „Anständig essen“ sich mit Veganismus beschäftigt hat stellt fest, dass die Intensivtierhaltung in Deutschland unglaublich pervers sei. Trotzdem entscheidet sie sich selbst gegen einen Ernährung komplett frei von Milch und Ei, und ist sich auch nicht sicher ob sie nicht doch nochmal in geringen Mengen Biosteaks essen wird. Sie sagt, dass sie festgestellt hat, dass die Moral in ihrem Leben keinen so hohen Stellenwert hat wie sie es sich gedacht hat, als sie ihren Versuch Licht ins Dunkel der Tierhaltung zu bringen begann. Ihre Moral ist also verhandelbar, genauso wie meine. Sie wünscht sich, dass die Gesellschaft insgesamt mehr Druck auf den Einzelnen ausübt.

PS: Sollte sich tatsächlich jemand anders als die sowieso superinformierten, nahezu allwissenden Suchroboter auf diese Seite verirrt haben und von obigen Videos vom Glauben an das Gute im Menschen abfällt findet sich hier etwas Positives das man sich unbedingt anschauen sollte.
Und noch etwas zur Aufmunterung: An der Gesamtzahl der in Deutschland lebenden Kühe gemessen etwas relativ seltenes – Eine Kuh mit Auslauf:

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